in memoriam Robin Page

In memoriam Robin Page

„Be honest and kick yourself in your ass“ sagte Robin zu mir.
Er selbst lebte nach dieser Maxime und manche Jurysitzung der saturierten männlichen Professorenrunde wurde mit Füßen auf dem Tisch und ‚Bullshit’ unterbrochen.
Dadurch hatte er ein paar sehr gute Freunde und viele Feinde.

In seinem Auftreten dräute immer etwas undurchdringlich Gebändigtes mit. Seine Sensibilität und tiefe Ernsthaftigkeit verbarg er oft hinter sarkastisch beißendem Humor. Immer in Jeansjacke, Jeanshose und Cowboystiefeln, den Cowboyhut tief in die Stirn gezogen.
Er feierte sehr gerne mit uns, spielte Gitarre und sang seine Lieder.

Er wollte um keinen Preis ‚Schüler’ um sich haben. Später malte er auch dieses Bild: ‚Bluebeard eats little artists for breakfast’. Genug habe er in junge große Augen geschaut, die fragend und suchend zum Professor aufschauten. Jetzt in München sollte die Klasse nur aus Individualisten, aus Künstler-persönlichkeiten bestehen. Menschen, die sich schon an der Welt gerieben hatten.

Sein Credo war: „They don't need me, and I don't need them ...".

Ich war noch im letzten Jahr am Gymnasium in Bonn, da schaute ich an der Akademie der Bildenden Künste erst einmal bei Daniel Spoerri im Atelier vorbei. Ich überlegte noch, ob in Düsseldorf oder München..., oder ob eine Kunstakademie überhaupt interessant wäre.
Ich hatte keine eigenen Arbeiten mitgebracht, so zeichnete ich ein Portrait von Spoerri. Er gab mir daraufhin zu verstehen, dass man an der Akademie zwar die ‚heiße Luft’ bekommen würde, aber Malen, das könnte man höchstens noch in Italien lernen.

Da ich meinte, dass ich dafür nicht an die Akademie zu gehen bräuchte, bewarb ich mich erst einmal an keiner Akademie.
Ich hatte mich schon viel in verschiedenen Ateliers herumgetrieben, war hungrig nach mehr.
Im Amsterdamer Atelier der befreundeten Malerin Giséle d’Ailly gingen Künstler aus der ganzen Welt ein und aus. Unsere Malsessions zogen sich über viele Tage und Nächte hin, unterbrochen von Pausen mit immensem Tortenverzehr.

Ich spielte Theater am Stadttheater Bonn, drehte Filme, reiste viel, lernte bei dem ‚DürerMeister’ Alf Depser auf Juist Holzstich und studierte nebenbei Kunstgeschichte und Italienisch an der Uni Bonn. Mit Stipendien verbrachte ich ein paar Monate bei der Künstlerin Jannina Veit Teuten in Florenz.

Ich erzähle dies, weil ich die große Mappe, die ich später zu Robin Page ins Atelier schleppte, prall gefüllt hatte mit meinen Bildern, Zeichnungen und Experimenten der letzten Jahre. Er nahm sich viel Zeit, schaute genau hin und war impressed.
Aber eine erst zwanzigjährige in die Klasse aufzunehmen, das widersprach seinem Grundsatz. Also sollte ich bitte nächstes Jahr, wenn ich älter wäre, wiederkommen.
Ich fand, dass ich mich genug an verschiedenen Plätzen getummelt hatte
und wollte jetzt auf die Akademie.
Ich hatte keine Lust, ein Jahr zu warten und bewarb mich bei Jürgen Reipka.

Ich staunte, als ich 1985 für die Aufnahmeprüfung in die Klasse Page eingeladen wurde. Es war der Tag meines 21. Geburtstags und Robin kam zu mir mit einer Flasche Champagner, er grinste: „Reipka wollte Dich in seine Klasse nehmen, dann hätte ich Dich gar nicht mehr in einem Jahr zu mir holen können. Ich nehme Dich besser gleich!“
Bald hatte ich meinen Spitznamen von Robin: ‚cultured untouchable Lady’.
Ich war kaum ein halbes Jahr an der Akademie, da präsentierte Robin Page 1986 in der legendären Ausstellung ‚All Stars’ in der Lothringerstrasse seine gesamte Klasse der Öffentlichkeit.
Dort zeigte er auch sein bekanntes Bild ‚Keep your sunny side up’.

Das Malen in der Klasse war oft mehr oder weniger anstrengend, weil unsere Klassengelage nicht selten laut und mit Alkohol und anderem bereichert waren.
Es hatte seinen Grund, dass bei der jährlichen Akademieausstellung die
ungebändigte Page Klasse voller Individualisten, Ego-Kämpfern und feierlustigen Künstlern am interessantesten für die Besucher war.

Bei den Klassenbesprechungen wurden weniger die Kunstobjekte der Studenten thematisiert, als deren Person. Robin ließ die Entwicklung Autodafé ähnlicher Performances zu, denn für ihn galt das Credo:
Wer das nicht aushält, der hält ein Leben als freier Künstler sowieso nicht aus.
Aber wenn ich Robin um sein Statement, ein neues Bild betreffend bat, dann hat er mit tiefen Röntgenaugen geschaut und analysierend besprochen.

Mich interessierten auch die verschiedenen Werkstätten und ich verbrachte viele ruhige Stunden in der Dunkelkammer der Fotowerkstatt von Dieter Rehm.
Da uns Robin nicht als Studenten, sondern als Künstler auf gleicher Ebene ansah, ließ er uns komplett freie Entscheidung, ob wir in der Klasse oder irgendwo in der Welt unsere Erfahrungen machten.

Anders war es 1989. Da wollte ich mit Isabelle Rudolphi nach Naxos. Bloß weit weg vom Gewohnten. Ich hatte eine Krise. Genau da wurde Robin sehr deutlich:
“This is your chance: when you are in puzzles, when all of your being lays down broken. Bullshit! Don’t go away now! Now you have to face it!“
Er lud mich ein, seine Assistentin beim Malen in seinem Atelier zu sein.

Jeden Morgen hatte ich nun einen Grund zum Aufstehen. Ich musste um 9 Uhr bei ihm im Atelier sein. Bei der Mittagspause im Türkenhof war klar, dass ich nur ein Bier trank, damit ich noch eine ruhige Hand beim Malen hatte. Über viele Wochen malte ich dann jeden Tag bis 17 Uhr in Robins Atelier an seinen Bildern. Für ‚Bluebeard of the month October 1989’ stand ich Modell und konnte dann pikanterweise selbst akribisch meinen Busen ausmalen.
Robin hatte mich sehr geschickt in einen rhythmischen Arbeitstag gesetzt. Ein Ausleben meiner Depression hatte dabei keinen Platz mehr, und nach einigen Wochen drängte es in mir so sehr, wieder zu malen, dass ich dann immer nach 17 Uhr bis in die Nacht im Klassenatelier an meinen Bildern arbeitete. Der Nachtwärter ließ sich gottseidank mit Bonbons bestechen. Robin bezahlte mich gut für die täglichen Malarbeiten, die ich für ihn machte und als ich wieder meine eigenen Sachen malte, brauchte er meine Hilfe nicht mehr.
Das war seine Art zu ‚lehren’, da ging es mehr um das ‚Leben malen’.

Anlässlich meiner ersten großen Einzelausstellung 1992 in der Galerie Golart sprach Robin Page neben der kleinen zarten Frau Friedrich (dtv-Verlag), die Einführungsrede. Es sah unglaublich aus, neben ihr war er eine Hünenerscheinung mit blauem Bart.
Jeder von beiden hielt auf seine Art eine wunderbare Rede.

„Be honest and kick yourself in your ass!“

Anja Verbeek von Loewis
Anlässlich der Gedenkausstellung für Robin Page im Kunstverein Ebersberg, April 2016