Inspirierte Räume

Nie ist die Bewegung in Anja Verbeek von Loewis Bildern abgeschlossen.
Jedes lädt den Betrachter zum Weitergehen ein, zwingt ihn gleichermaßen nach dem Nachfolger des Vorangegangenen zu suchen. Ein innerer Klang beseelt die Farbräume,schwingt da weiter, wo das Auge längst Ruhe vor dem Blau, dem Gold oder dem Weiß gefunden hätte. Sie fordert das Grenzgangertum, vertritt eine gesamtheitliche Vision der Künste. Ikonografische Räume verkürzen sich mit der wachsenden Erkenntnis der neuen tendenziell chiffrierten Werke zu Synonymen: Das gezeichnete Wort, der Engel und sein Schattenträger werden als gemalte und gezeichnete Bilder Konnotationen des Alltags, stilisierte Abbilder von Wirklichkeit.

Anja Verbeek von Loewis konstruiert und komponiert ihre Arbeiten nicht aus der individuellen Erinnerung des Augenblicks. Sie lässt zu, dass der jeweilige Betrachter sich durchaus persönlich in ihrem Bild wiederfindet. Abstraktere Formen in Bildern des Tages wechseln mit ihren Gestalten, die wie Dioskuren der Nacht, weiße Flächen bewohnen.
Ist es Eurydike, die von der einzigen roten Gestalt in Anja Verbeeks bisherigem Werk geleitet wird? Oder ist die Figur in Rot Sinnbild des Menschen, dem nur ein Engel den Weg ins Leben weisen kann? Keine Antwort wird vorgegeben, ergibt sich aus dem Kontext des Gemäldes. Anja Verbeek von Loewis‘ lnbild-Figuren im Raum, so wie sie wahrgenommen werden, sind die Datenträger. Aus ihren Bewegungen lassen sich die Worte ihrer Sprache formen. Kommunikation findet statt, Spannung wird erzeugt, aus der Form wird Raum. Farben und Formblöcke treten als Konkurrenten zugunsten des Motives als Impetus des Malens zurück. Anja Verbeek von Loewis versteht ihre Konzeption, die zum Teil in Transparenzen mehrschichtig überlagerten Strukturen, wie der scheinbar gewebte Wald aus Wörtern, als Bild einer sich kontinuierlich fortsetzenden Suche nach einer eigenen Struktur, einer originären Codierung. Transparenz ergibt sich aus der Gegensätzlichkeit der eingesetzten Mittel.

Die Strukturen und Oberflächen ihrer Gemälde aus gebundenen Pigmenten sind pastos, heftig und dicht. Kein Licht dringt durch den Bildträger hindurch, das Licht bricht sich auf den Pigmenten. Farbräume werden sichtbar, ihre Tiefe und Breite sind abhängig vom einfallenden Licht. Dem flüchtigen Betrachter können sie durchaus verborgen bleiben. Überträgt Anja Verbeek von Loewis hingehen diese pastosen Pigmentbilder auf Glas, scheinen die Farben zu tanzen, zu flirren im Licht. Durch die Interaktion mit dem Betrachter des Bildes wird die bewegte Dichte der sich überlagernden Transparenzen erfahrbar. Veränderter Lichteinfall und die eigene Bewegung im Raum ,,enthüllen“ das Bild, lassen neue Konfigurationen entstehen.
Die eigenständige Figürlichkeit, die im so pastosen Malgrund ganz tief eingebettet war, kann sich plötzlich entfalten. Transparent, zart und tanzend sind nun die Farbflächen, die Landschaften aus fernen und doch so bekannten Welten. Die All-Macht des Alltäglichen scheint aus den Glasplatten gebannt. Weder die zahllosen Wörter, der ,,gewebte Wald“, noch die Gebäude, fiktiven Stadtansichten noch die Schwimmer erzählen eine banale Geschichte. Aus der Wahrnehmung des Bildes, die eine Erinnerung auslöst entsteht das Außergewöhnliche. Erinnerungen an längst vergangene Kulturen und deren Bildsprachen und andere Ausdrucksformen werden wachgerufen. Der Kunst- und Kulturtheoretiker E.H. Gombnch sprach vom ,,Agypter in uns“, der unterdrückt werden kann, sich aber nie ganz überwinden lasse. ,,Er repräsentiert ja letzten Endes jene spontane Aktivität des Geistes, jene Suche nach dem Sinn,die man nicht ausschalten kann, weil ohne sie unsere Welt rettungslos in Mehrdeutigkeit versinkt.“

Anja Verbeek von Loewis erinnert in ihrer Farbwahl an die alte Kombination von Lapislazuli und Gold der ersten Kulturen - als für den Menschen “unbegreifliches“ Bild des Himmels und der Sterne. "Gold wähle ich auch in seiner tradierten Bedeutung von Unendlichkeit, Unperspektive, Reichtum. Erdigkeit ist auch in dieser ,Nichtfarbe‘, die aus der Reflexion leuchtet und sich nicht gern mischt.“
Im abstrakten Spiel der Farben, das sich zwischen Blau und Gold entwickelt, werden synästhetische Qualitäten und Wirkungen der Farbgebung offenbar. Wassily Kandinsky definierte das Blau als die typisch himmlische Farbe, die als heller Ton dem Klang der Flöte ähnelt. Je dunkler das Blau, desto tiefer und feierlicher das Instrument, das er dem Farbton zuordnet. So "klingt“ dunkles Blau wie ein CelIo, noch intensiveres Blau wie ein Akkord, auf der Orgel gespielt. Ruhig und getragen, so als könnte sie nichts aus dem Gleichgewicht bringen, wirken die Arbeiten.

"Die Malerei hat also ihren Ort. Aber sie hat auch ihren Grund. Die Welt - mit mehr oder weniger Zuversicht - zu verinnerlichen, entspricht einem menschlichen Bedürfnis. Das Sichtbare setzt ein Auge voraus. Es ist der Mittler in der Beziehung zwischen Gesehenem und Sehendem.“2

  • 1) E.H. Gombrich in Kunst und Illusion, Köln und Berlin 1967, S.432,433
  • 2) John Berger, Das Sichtbare und das Verborgene, Hanser Verlag München, 1982

In den Bildern gilt es das Dazwischen zu erkennen. Zwischen den Schichten, wie bei einem Text zwischen den Zeilen, die Quintessenz der Aussage zu begreifen. Mit sinnenfreudiger Lust fordert Anja Verbeek von Loewis zum Sehen auf. Unergründlich bleibt der Raum, der sich auch demjenigen nur teilweise erschließt, der bereit ist das Tor zur Unendlichkeit aufzustoßen.

Anne Maier

Katalog, 2000